Presse- und Medienberichte
Thema Übergänge
ORF, Wien Heute | 30. 03. 2010
Problematik Straßenüberquerungen bei stark befahrenen Kreuzungen z. B. Arsenalstraße, neues Blindenleitsystem im Ostbahnhof, im Beitrag zu sehen ist u. a. Predrag Radic (IBEF) und sein Blindenführund "Boy" und Kristijan Ciganovic (IBEF).
Quelle: orf.at
Thema Blindenführhunde
ORF, Wien Heute | 29. 03 .2010
Forschungsprojekt Führgeschirr bei Blindenführhunden; im Beitrag zu sehen ist u. a. Predrag Radic (IBEF) und sein Blindenführhund "Boy".
Quelle: orf.at
Doppelt hartes Schicksal: Migrant und behindert
16. 03. 2010 | 19:54 | CLARA AKINYOSOYE (Die Presse)
Behindertenhilfseinrichtungen richten ihre Angebote zunehmend nach Zuwanderern aus.
Migrant sein und behindert? „Diese Gruppe hat es nicht leicht.” Predrag Radic weiß wovon er redet. Er ist Berater im Institut für Bildung, Entwicklung und Forschung (IBEF), das sich auch der Weiterbildung von Menschen mit Behinderung widmet.
Aus seiner Erfahrung weiß er, dass Migranten mit Behinderungen mitunter differenziertere Unterstützungen nötig haben als Menschen ohne Migrationshintergrund.
Das geht von der Information, wo Hilfe und Förderungen zu beantragen sind, bis hin zu mehrsprachlichen Beratungen und dem Einsatz von Dolmetschern. Das IBEF hat derartige Angebote für Migranten. Es bietet Berufsorientierungskurse, EDV- und Sprachkurse (Deutsch, Türkisch, Bosnisch, Serbisch, Kroatisch, Arabisch, Spanisch, Rumänisch, Italienisch, Tschechisch und mehr) für Blinde und Sehende an.
Migranten können hier ihre eigene Schrift und Sprache lernen – in ihrer Muttersprache. Beim IBEF arbeiten Menschen mit und ohne Behinderungen sowie mit und ohne Migrationshintergrund, Frauen und Männer.
Auch bei den Kunden gibt es eine solche Vielfalt: „Wir leben Diversity, wir sprechen nicht davon”, sagt Trainer Gerhard Reisel. Auch „Inklusion” wird in diesem Bildungsinstitut großgeschrieben. Das bedeutet, dass alle Kunden – Behinderte und Nichtbehinderte – gemeinsam lernen.
Im Zweifel hilft man ohne Geld
Und selbst wenn nur eine Person Interesse an einem Kurs hat, wird er abgehalten. Aus ökonomischer Sicht Nonsens, doch das kümmert das Team, das sich selbst finanziert, nicht im Geringsten. Im Zweifel arbeiten die Trainer eben völlig ehrenamtlich. In dieser Gesellschaft sei ohnehin „alles kalkuliert”, sagt Radic, „Ich geb dir, aber zuerst gibst du mir.” Doch darüber sollte man eines nicht vergessen, nämlich „Mensch sein”.
Ein völlig anderes Problem hat Johanna Ilkow von der Lebenshilfe Graz erforscht: „Dienstleistungen müssen immer kundengerecht sein”, sagt sie – und spielt damit auf Behindertenhilfeeinrichtungen an, die auch von Migranten barrierefrei in Anspruch genommen werden können. Ilkow beschäftigte sich von 2007 bis September 2009 im Rahmen des EU- Projekts „All inclusive” mit diesem Thema. Ziel war es, die Dienstleistungen der Behindertenhilfe zu evaluieren, „zu schauen ob sie gekannt werden und für Migranten passend sind”, so Ilkow.
Dabei stellte sich heraus, dass die entsprechenden Einrichtungen bei Migranten oft nur wenig bekannt waren, dazu kamen sprachliche und soziale Barrieren. Viele hätten gar keine Vorstellung davon, was die Einrichtungen eigentlich tun und Hemmungen, die angebotenen Hilfeleistungen in Anspruch zu nehmen, meint Ilkow. Im Zuge des Projekts entstand ein Handbuch für Mitarbeiter von Behinderteneinrichtungen, zudem wurde ein Onlinekurs zur Förderung interkultureller Barrierefreiheit eingerichtet.
Die Lern- und Adaptionsbereitschaft bei Behindertenhilfeinstitutionen sei groß, sagt die Expertin von der Grazer Lebenshilfe. Viele Einrichtungen stellen sich langsam auf die Bedürfnisse von Migranten mit Behinderungen ein.
„Sie sind nicht allein”
Was für die einen Neuland ist, ist für den Verein „Viele” in Salzburg, der sich um Frauenanliegen kümmert, schon Routine.
Die Mitarbeiter fördern und unterstützen Migranten mit Sprachkursen, Lern- und Integrationshilfen. Für Mütter mit beeinträchtigten Kindern gibt es eine kostenlose Selbsthilfegruppe, dazu muttersprachliche Beratung und Unterstützung in allen Lebenslagen, etwa bei Behördengängen oder Arztbesuchen. „Manche Eltern kommen mit einer Diagnose vom Arzt, wie etwa Autismus”, sagt Geschäftsführerin Angela Lindenthaler – und wüssten gar nicht richtig, was das für ihr Kind bedeutet. „Die doppelte Belastung ist schlimm genug. Wir wollen ihnen zeigen, dass sie nicht alleine sind.”
Quelle: ("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.03.2010)
Zuwanderer ohne Augenlicht
16. 03. 2010 | 19:54 | KERSTIN KELLERMANN (Die Presse)
Mobilität, Charakterstärke und Durchhaltevermögen kennzeichnen den Lebensweg von blinden Migranten. Sie verlieben sich, lernen Sprachen und gehen Berufen nach – allen Schicksalsschlägen zum Trotz.
Fünf Monate lang rief sich das Paar über Skype an, sie telefonierten stundenlang miteinander, gegen Ende sogar zweimal täglich. Dann brach Natalias Computer in Santiago dell Estero im fernen Argentinien zusammen. Und so lud Kristijan Ciganovic, der am anderen Ende der Leitung im Louis Braille Haus in Wien saß, seine Internetfreundin schließlich Über das Festnetz nach Österreich ein. Ein ganz normaler Vorgang, allerdings mit einer Besonderheit - denn sowohl Natalia als auch ihr Gesprächspartner in Österreich sind blind.
„Heimlich ließ ich mir einen Pass machen”, erzählt Natalia, „denn ich besaß noch nie einen. Als der Postbote den neuen Pass brachte, ging meine Mutter in die Luft.” Denn sie machte sich Sorgen, dass Natalia alleine am Flughafen Schwechat stranden würde. Die junge Frau wurde erst mit 20 Jahren blind und musste mehrere schmerzvolle Operationen überstehen. Sie fuhr trotzdem. „Als ich aus der Flughafenkontrolle herauskam, war ich überrascht, denn Kristijan redete nicht mit mir”, sagt sie. Er war sprachlos – ein Zustand, der bei dem selbstbewussten Sprachtrainer und Berater des Instituts für Bildung, Entwicklung und Forschung eigentlich sonst niemals vorkommt.
„Die Schmerzen waren weg”
Natalia studierte bereits drei Jahre, als sie auf einem Auge erblindete. Sie blieb dennoch an der Universität. Doch bei einem Fußballspiel ihres Cousins bekam sie als Zuschauerin den Ball ins Gesicht – dadurch löste sich auch noch die Netzhaut des zweiten Auges ab. „Ich wollte nur noch flüchten. Aber wohin? Anschließend lebte ich jahrelang mit entsetzlichen Kopfschmerzen. Ich starb fast dabei. Bis die Ärzte mir das Auge entfernen mussten. Nach dieser endgültigen Operation wachte ich auf, und die Schmerzen waren weg. Ein unbeschreibliches Gefühl.”
Kristijan Ciganovic wurde mit sieben Jahren blind, er erinnert sich noch an optische Eindrücke wie die Reflexe der Sonne in WasserpfÜtzen: „Als Kind nimmst du das Leben einfach so, wie es ist, ich bewunderte damals die Blinden mit dem Stock.” Am Anfang verbrannte er Dinge, fluchte laut, wenn er nicht einmal Wasser am Herd aufsetzen konnte. „Meine Oma unterstützte mich”, erzählt er. „‚Man gibt nie auf’, sagte sie mir, ‚egal, was passiert.’” Der Kroate studierte Spanisch und Latein, spricht Tschechisch und Deutsch: „Ich bin Kosmopolit. Und falls ich nach Argentinien ziehe, werde ich mich dort zu Hause fühlen.”
Blinde Kellnerin mit Kerze
Der Kroate und die Argentinierin sind nicht die einzigen Beispiele, in denen Migration und Blindheit einander begegnen. Auch Cigdem Cam gehört zu dieser Gruppe. Die junge Frau kam aus der Türkei nach Österreich. „In Ostanatolien, im Dorf, brachte ich die Kühe auf die Weide, kümmerte mich um Schafe und Hendln. Erst mit zwölf Jahren durfte ich in die Schule”, erzählt sie. Erst in Wien lernte sie schreiben und lesen. „Ein Freund, der in Österreich arbeitete, besuchte meinen Vater und sagte: ‚Du hast drei blinde Töchter, im Dorf bleiben sie ihr Leben lang Analphabetinnen.’” Ihr Vater wollte eigentlich nicht weg, aber für seine Kinder nahm er die Gastarbeit auf sich.
Mittlerweile arbeitet sie im Restaurant „Vier Sinne”, in dem Sehende im Dunkeln die Welt der Blinden kennenlernen können. „Neulich bat mich ein Kunde, ich solle eine Kerze am Tisch anzünden. Ich antwortete: ‚Ich kann auch keine Kerze anzünden, wenn ich etwas sehen will.’” Mit ihrem etwas ruppigen Humor vermeidet die junge Türkin von vornherein jegliches Mitleid.
Dialog im Dunkeln
Sie ist jedenfalls glücklich, dass sie in Österreich eine Chance auf Bildung und ein selbstbestimmtes Leben bekommen hat: „Österreichische Schüler sollten froh sein, dass sie hier aufwachsen und in die Schule gehen können.” In Anatolien gab es diese Chance nicht.
Ihre Mutter lernte erst in Wien lesen und schreiben. Doch fehlender Unterricht war nicht der einzige Mangel: „Wenn man bei mir schon früher die Netzhautablösung entdeckt hätte, wäre der Sehnerv noch ausgeprägt gewesen. Man hätte noch etwas machen können.” Bei ihren kleinen Schwestern löste eine Entzündung der Gebärmutter der Mutter die Blindheit aus. „Als Bäuerin arbeitest du, du legst dich nicht nieder, wenn du krank bist.”
Doch das ist Vergangenheit, die Familie Cam hat einen großen Schritt vorwärts gemacht. Die kleinste Schwester machte eine Masseurinnenausbildung und arbeitet im Blindenzentrum, die größere ist in einem Callcenter beschäftigt. Cigdem führte jahrelang Besuchergruppen in der Ausstellung „Dialog im Dunkeln” in der Wiener Stadthalle. „Ich war früher sehr scheu und wollte niemanden nach dem Weg fragen”, erzählt sie. Das hat sich geändert. „Du musst über deinen Schatten springen”, sagte ihre Mobilitäts-Trainerin. Und das hat sie getan.
Quelle: ("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.03.2010)




